Sonntag, 16. August 2009

Zufälle gibts

Wer glaubt eigentlich an den Zufall? War es ein Aussetzer, der den Thüringer Ministerpräsident Althaus dazu brachte, eine Debatte um die Abschaffung des Solidarbeitrags zur Einkommenssteuer zu beginnen, die dann zwei Tage später durch eilige Dementi vorläufig beendet wird. Nun: Es handelte sich um ein Wortlautinterview. Solche Interviews werden nicht einfach ins Mikro diktiert und dann gedruckt. Der Text wird vor Veröffentlichung immer zur Autorisierung an den Interviewten gegeben. Diese Autorisierung nimmt natürlich nicht Althaus selbst vor sondern ein Pressereferent, der qua Ausbildung und Praxis weiß, welche Äußerung welche Wirkung hat und im Zweifelsfall seinen Herrn und Meister darauf hinweist. Und glaubt eigentlich irgendjemand, dass der Stab um Herrn Guttenberg nicht wüsste, was sein „industriepolitisches Gesamtkonzept“ für Debatten bewirken würde? Zufall? Fehlanzeige! Warum also dann diese Aneinanderreihung von Debatten, die vordergründig zu überhaupt nichts führt und gerade den aufmerksamen Leser einigermaßen ratlos zurück lassen. Die Antwort: Es geht gar nicht um die aufmerksamen Betrachter.


Um zu verstehen, warum und wie diese Debatte geführt wird, lohnt ein kleiner Exkurs zum Charakter von Öffentlichkeit, speziell in Wahlkampfzeiten. Am besten stellt man sich Wahlkämpfe als ein gigantisches Gespräch vor den Augen und Ohren der Wähler vor. Die Botschaften und Geschichten, die in diesem Gespräch, das sich aus vielen kleineren Gesprächen zusammensetzt, produziert und verfestigt werden, sind selten oder sogar nie diejenigen, die an der Oberfläche brodeln. Klipp und klar: Weder geht es Herrn Althaus um die Abschaffung des Solidarbeitrags oder überhaupt um die Senkung der Steuerlast für Durchschnittsverdiener, noch geht es Herrn Steinmeier um die Schaffung von vier Millionen neuen Jobs oder gar Vollbeschäftigung. Es geht allein um die Debatten und die Geschichte, die im Kopf der Zuhörer durch das Lauschen am Dauerrauschen entstehen soll. Es geht um die Herstellung und Verfestigung von Selbstverständlichkeiten. Selbstverständlichkeiten können die Dinge sein, die die meisten Menschen ohnehin glauben: Geschichten, die auf solchen Selbstverständlichkeiten aufbauen, sind die besten und glaubwürdigsten. Selbstverständlichkeiten können aber auch die Dinge sein, die sich aus der vermeintlich kritischen, aber eben oberflächlichen und ohne Hintergrundwissen erfolgenden Interpretation des Dauerrauschens ergeben. Aus solchen Selbstverständlichkeiten lassen sich Wahlentscheidungen viel wirksamer ableiten als lediglich aus bloßen Wahlaufforderungen.


Nehmen wir ein Beispiel: 9 von 10 Menschen halten es für eine Selbstverständlichkeit, dass sie nach der Wahl betrogen werden. Das entspricht ihren alltäglichen Erfahrungen der letzten Jahre. Politiker haben hierzulande das Image von Trickbetrügern, und das, man muss es leider so sagen, oft zu Recht. Eine Geschichte, die diese Selbstverständlichkeit aufgreift, ist äußerst glaubwürdig. Und das ist das Kernproblem der SPD dieser Tage. Sie hat den Wahlbetrug mit Ansage seit 1998 in Bund und Ländern zum System gemacht. Es ist ein leichtes für politische Gegner, Geschichten zu erzählen, die darauf aufbauen und das Label „unglaubwürdig“ immer stärker verfestigen. Dann helfen auch wirklich gute Ideen nicht, und der „Deutschlandplan“ ist, wenn man sich allen PR-Klimbim wegdenkt, tatsächlich zumindest keine so schlechte Idee wie die Agenda 2010 oder die Rente ab 67 und stellt die richtige Frage in den Mittelpunkt des politischen Handelns der nächsten Jahre. Warum? Weil die Menschen es nicht glauben. Das Problem der SPD ist ziemlich einfach und niederschmetternd: Die Selbstverständlichkeiten, die die Menschen über diesen Laden im Kopf haben, sind mit den Begriffen: Wahlbetrug, Intrigantenstadl, Zerrissenheit, Unglaubwürdigkeit, auf dem absteigenden Ast etc. noch freundlich umschrieben. Es gibt einfach keine richtige Geschichte, die zu erzählen ist.


Als zweites Beispiel kann man die oben erwähnte Steuerdebatte in der Union nehmen. Durch die Aneinanderreihung von Vorstößen soll schrittweise bei den Menschen Selbstverständlichkeit produziert werden. Die Geschichte, die so für den oberflächlichen Zuhörer (und aus solchen besteht fast die Gesamtheit der Wählerschaft) erzählt wird, lautet in etwa folgendermaßen: Wenn die Unionspolitiker könnten wie sie wollten, dann würden sie die Steuern senken. Sie können aber nicht, und deshalb bleibt schlimmstenfalls alles wie es ist. Und genau das ist das einlullende Trallalla, mit dem man die Wähler bis zum Wahltag schaukeln will. Das ist natürlich Quatsch.


Im Kern, da sollte sich niemand Illusionen machen, steht im Programm von Union und FDP exakt dasselbe, wie im Jahr 2005. Die handelnden Personen sind dieselben, die Rahmenbedingungen für eine deutsche „Schock-Therapie“ nach neoliberalem Muster sind so gut wie nie. Was uns erwartet, wenn dieses Kalkül aufgeht, ist entsprechend gruselig. Der Tag, wo Merkel, Westerwelle und leider auch Steinmeier und Co. wirklich so können, wie sie wollen, naht unaufhaltbar. Es ist der 28.September, und dann wird gnadenlos die Rechnung präsentiert werden. Zahlen werden die kleinen Leute.

Freitag, 14. August 2009

"Rallye" oder "leichtes Minus"

Den Unterschied macht derzeit oft nur ein Plus oder Minus. Ein Prozent nach oben an den Aktienmärkten heißt "Boom", "Euphorie" oder "Rallye", ein Prozent nach unten heißt dagegen "Pause", "technische Korrektur" oder "Gewinnmitnahme". So zum Beispiel heute. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt (17:15) hat der Dow Jones Index rund 1,5 Prozent verloren. Die Meldung auf n-tv.de dazu lautet: "US-Börsen leich im Minus". Als gestern die japanischen Aktienindizes um 0,8 bzw. 0,9 Prozent stiegen meldete n-tv.de: "Asiens Märkte gut erholt". Nun wird niemand ernsthaft aus kurzfristigen Börsenentwicklungen mittelfristige Konjunkturprognosen ableiten wollen, außer deutschen Wirtschaftsjournalisten natürlich. Aber diese kleine Beobachtung spricht doch für die Richtigkeit der These, dass die Schrreiberlinge im deutschen Blätterwald derzeit dazu neigen, eine rosarote Brille über alle Wirtschaftsnachrichten zu legen. Mal sehen, ob das nach dem 27.September auch noch so ist.

Donnerstag, 13. August 2009

Stagnation nach historischem Einbruch

Das wäre die zutreffende Meldung zu den heute veröffentlichten Konjunkturdaten des Statistischen Bundesamts. Aber wir sind im Wunderland. Und deshalb meldet der deutsche Blätterwald wieder mal den Beginn des Aufschwungs. Vom "Ende der Rezession" ist allenthalben die Rede, obwohl das nach den Regeln der Wirtschaftsstatistik erst nach zwei aufeinanderfolgenden Wachstumsquartalen zulässig wäre. Den Vogel schießt wieder einmal die FTD ab, die ernsthaft meldet, die Deutsche Wirtschaft starte durch, und für 2010 ein Wachstum von mehr als drei Prozent prognostiziert. Aber sei es drum. Was von derlei Gefasel zu halten ist, zeigt ein etwas längerfristiger Vergleich. Nebenstehend ist die kalender- und saisonbereinigte Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts seit dem Jahr 2002. Das Jahr 2000 markiert dabei den Wert 100. Werfen wir zunächst einen Blick auf das Jahr 2005. Zwischen dem 4. Quartal 2004 und dem 4. Quartal 2005 stieg der Wert von 101,8 auf 103,5. Nicht viel aber immerhin ein konstanter Anstieg. Kann sich noch jemand an das Blätterrauschen des Jahres 2005 erinnern. Damals ging täglich die Welt unter. Der Bundespräsident verkündete eine "Staatskrise". Die Wirtschaft stand am Abgrund. Deutschland ächzte im "Reformstau". Ein "Jobgipfel" jagte den anderen, eine "Reform" die nächste. Was meldete damals eigentlich das Statistische Bundesamt? Nicht viel. In einer dürren Mitteilung war von einem unveränderten Bruttoinlandsprodukt im Vorquartalsvergleich die Rede. Der aus heutiger Sicht potenziell euphorisierende Anstieg um 1,5 Prozent auf Jahressicht tauchte gerade mal am Rande auf. Heute jubelt die Presse darüber, dass nach fünf Minus-Quartalen erstmals kein weiterer Einbruch gemeldet wird. Ob diese statistischen Daten Bestand haben, wird man sehen. Was sie wert sind, ebenfalls. Bemerkenswert ist aber, mit welcher Ignoranz heute wie vor vier Jahren Nachrichten ignoriert werden, die nicht in das Deutungsmuster passen. Heute hätte man auch melden können, dass der US-Einzelhandelsumsatz trotz der US-Version der Abwrackprämie um 0,1 Prozent gesunken ist (entgegen allen Erwartungen von "Experten"). Heute hätte man auch zur Kenntnis nehmen, dass Wall Mart zwar seine Profiterwartungen erhöhte, aber dies ausschließlich durch Kosteneinsparungen, d.h. in der Realität Lohnsenkung und Personalabbau, erreicht. Ach übrigens: am 25.8. veröffentlicht das Statistische Bundesamt die revidierten Daten zum zweiten Quartal. Dann kann noch einmal der Aufschwung vermeldet werden.

Dienstag, 11. August 2009

Eine gute Nachricht

Heute jubiliert die BILD-Zeitung darüber, dass erstmals seit 1987 die Verbraucherpreise sinken. "Eine gute Nachricht für ihr Portemonnaie", heißt es dort. Der Grund: das Statistische Bundesamt hat für den Zeitraum Juli 2008 bis Juli 2009 einen Rückgang der Verbraucherpreise um 0,5 Prozent ermittelt. Sicher: das sind kurzfristig wenigstens für diejenigen, die (noch) einen Job und ein stabiles Einkommen haben, keine schlechten Neuigkeiten. Aber mittel- und langfristig scheinen sich doch die Prognosen derjenigen zu bewahrheiten, die für die deutsche Wirtschaft eine massive Deflationsgefahr prognostizieren, also eine Spirale aus Kaufzurückhaltung und sinkenden Preisen. Sinkende Nachfrage heißt im Ergebnis sinkende Produktion und weniger Arbeitsplätze. Wenn der Friseur billiger wird, weil die Menschen weniger zum Friseur gehen oder immer darauf schauen, ob der Haarschnitt nicht irgendwo noch billiger zu haben ist, dann ist das zumindest für eine Gruppe von Menschen schlecht: die Friseure. Aber halt, da habe ich mich doch glatt in den Untiefen der Wirklichkeit verirrt. Deshalb ein dreifaches Hurra auf die sinkenden Preise!

Donnerstag, 30. Juli 2009

Besser als erwartet

Wenn man es nicht besser wüsste, müsste man meinen, dass irgendwo ein finsteres Gremium der Chefredakteure beschlossen hat, die Wirtschaftskrise zu verbieten. Bemerkenswerte Blüten der Einfalt treibt die "Hurra-alles-nicht-so-schlimm"-Hysterie in der Provinzpresse. Die Mainpost (siehe Bild) befragt ihre Leser online ernsthaft, ob sie schon etwas vom "Aufschwung" merken. Rund 71 Prozent haben bislang geantwortet, sie würden nichts vom Aufschwung merken. Das verstehe ich ja nun gar nicht. Aber im Ernst: Viele deutschen Zeitungen haben immer weniger mit der Realität zu tun und schreiben jeden Tag tapfer weiter, dass alles nicht so schlimm sei, jedenfalls "besser als erwartet". So präsentiert zum Beispiel DIE WELT ihren Lesern die heute veröffentlichten Arbeitsmarktdaten für den Monat Juli. Die Arbeitslosenzahl sei weniger stark gestiegen "als erwartet", kann man da lesen (von wem eigentlich erwartet?), auf 3,462 Millionen. Der Vergleich mit der "Aktuellen Kamera", die bis zum Ende der DDR tapfer monatlich die Übererfüllung der Pläne in allen Branchen meldete, ist nicht ganz unangebracht. Für die deutsche Arbeitsmarkstatistik gilt inzwischen das Oster-Gesetz (wir finden immer nur die Eier, die wir vorher versteckt haben). Nur ein Beispiel: allein im Mai sind 200.000 Arbeitslose aus der Statistik verschwunden, weil sie von privaten Arbeitsvermittlern betreut werden. Rechnet man alle statistischen Tricksereien (z.B.: ist jemand, der ein Bewerbungscoaching besucht, tatsächlich nicht mehr arbeitslos?) zusammen, dann kommt man auf 5,32 Millionen Arbeitslose im Juli (meldet der FOCUS, und das ist kein Kommunistenblatt), da sind noch nicht diejenigen dabei, die unfreiwillig Teilzeit arbeiten oder so prekäre Jobs machen, dass sie nie in der Statistik auftauchen. Auch nicht dabei sind die rund 1,4 Millionen Kurzarbeiter, von denen wohl die meisten arbeitslos wären, wenn sie nicht kurzarbeiten würden. Aber die Meldung "7 MILLIONEN OHNE BESCHÄFTIGUNG" macht sich eben nicht so gut. Aber Verbote helfen nichts. Notgedrungen muss heute auch die deutsche Presse zur Kenntnis nehmen, dass der Auftragseingang im deutschen Maschinenbau im Monat Juni (in dem ja alle Wirtschaftsbarometer nach oben gingen und alle "Experten" den Aufschwung erwarteten) um fast die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen ist. Aber auch da findet sich sicher morgen ein "Experte", der verkündet, das sei besser als erwartet.

Montag, 27. Juli 2009

Zufälle gibts

Da staunt der Laie. Ausgerechnet heuteveröffentlicht die GfK Nürnberg ihren neuen Konsumklimabericht und bringt den deutschen Blätterwald zum Jubeln. Der SPIEGEL teasert: "Die wirtschaftliche Zuversicht wächst." Die ZEIT macht aus der von der GfK prognostizierten Steigerung der Bereitschaft von Konsumenten zu größeren Anschaffungen die Schlagzeile: "Deutsche machen trotz Krise große Anschaffungen". Das alles hat natürlich überhaupt nichts mit dem heute beginnenden Sommerschlussverkauf zu tun. Zur Erinnerung: das ist dieselbe Gesellschaft für Konsumforschung, die in den letzten beiden Jahren während der Weihnachtszeit über das angeblich blendende Konsumklima berichtete und es der amtlichen Statistik im Frühjahr überließ, die tatsächlichen Umsatzrückgänge im Weihnachtsgeschäft zu verkünden.

Schauen wir doch einmal kurz hinter die Kulissen der GfK. "Gesellschaft für...", das klingt ja in Deutschland immer irgendwie halbamtlich und seriös, jedenfalls nicht nach kommerziellen Interessen. Soll es in diesem Fall wohl auch, weil es eigentlich anders ist. Die GfK Group ist eines der weltgrößten Marktforschungsunternehmen mit tausenden Mitarbeitern. Hauptaktionär ist der GfK-Verein in Nürnberg. In dessen Verwaltungsrat sitzt eine illustre Gemeinschaft von Spitzenfunktionären aus deutschen Unternehmen mit Interessen im Handelsbereich. Und die haben dann wiederum ganz sicher eindeutige Intessen, in welche Richtung die öffentliche Meinung zu beeinflussen ist. Die ständige Wiederholung von Meldungen, dass der tapfere deutsche Konsument der Krise widersteht und kauft, kauft, kauft, ist jedenfalls auffällig genug. Ein kurzer Blick auf die Fakten: der Umsatz im Einzelhandel lag real im Mai 2009 um 6,5 Prozent unter dem Niveau des Jahres 2005, als das Land ja nach der offiziellen Märchenerzählung in einer "Staatskrise" steckte.


Ganz nebenbei gibt es in der Pressemeldung der GfK auch wirklich hanebüchenen Unsinn zu lesen, etwa den Satz "Nachdem einige Wirtschaftsinstitute ein Ende der ökonomischen Talfahrt signalisieren, schwindet auch bei den Konsumenten der Konjunkturpessimismus." Offenbar unterschätzt man den deutschen Mediennutzer sträflich. Der liest scheinbar im Durchschnitt eifrig den Wirtschaftsteil einer großen Zeitung und passt, kaum hat er den aktuellen Bericht von ifo, DIW, HWWI, oder wem auch immer gelesen, flugs seine persönlichen Erwartungen an. Für die Verbreitung derartig offenkundigen Unsinns gebührt der PR-Abteilung eine professionelle Rüge.

Samstag, 25. Juli 2009

Rettung aus China in Sicht?

Heute begeistert sich der SPIEGEL online an der anziehenden Konjunktur in China und lässt einige Experten vom Ende der Krise und einem bevorstehenden Aufschwung schwadronieren.
Vor ein paar Tagen waren die „chinesischen Währungsreserven“ Thema in den deutschen Medien. Der chinesische Premier Wen Jiabao kündigte an, dass China seine Devisen in Zukunft zunehmend für den Kauf von Firmen im Ausland einsetzen will. Dass möglicherweise das eine mit dem anderen zu tun haben könnte – mit leider unangenehmen ökonomischen Folgen für den Rest der Welt – nein, auf diese Idee kommen die grandiosen Ökonomen in der SPIEGEL-Redaktion nicht. Aber gut. Zählen wir eins und eins stellvertretend zusammen. Die chinesische Führung hat im Verlauf der globalen Wirtschaftskrise eine weitreichende Entscheidung getroffen: die schrittweise Beendigung des globalen Schuldenkarussells, in dem die USA als stetig zunehmender Nettoschuldner mit steigenden Außenhandelsdefiziten saßen, die Schulden vor allem bei den Exportüberschussländern wie China aufnahmen. China flüchtet aus dem Dollar in „reale Werte“, könnte man zusammenfassend sagen.

Nun darf man sich die „chinesischen Währungsreserven“ nicht als Berg von Dollars in einem Pekinger Keller vorstellen. Diese Reserven sind im Wesentlichen amerikanische Staatsanleihen. Die Kreditaufnahme des amerikanischen Staates funktioniert vereinfacht ausgedrückt so: Auf dem Kapitalmarkt werden amerikanische Staatsanleihen angeboten. Vereinfacht ausgedrückt werden die Marktteilnehmer gefragt: Wer ist bereit, uns die Summe X Dollar zu einem Zinssatz Y für den Zeitraum Z zu leihen? Wenn es klappt, dann leiht jemand den USA die gewünschte Summe und bekommt dafür einen Schuldtitel, eine Anleihe. Das ist eigentlich nichts anderes als ein gigantisches Sparbuch. Unsere Bankguthaben liegen ja auch nicht in den Kellern der Banken herum, sondern die Banken wirtschaften mit dem angelegten (geborgten) Geld, erwirtschaften im besten Fall eine Rendite, von der sie dem Anleger/Sparer seinen Zinssatz zahlen können und den Rest als Gewinn behalten. China und Amerika haben diesen Deal immer wieder im ganz großen Stil gemacht. China hält amerikanische Staatsanleihen in Billionenhöhe, und die galten lange Zeit als bombensicher, schließlich garantiert letztlich der amerikanische Staat, und der geht nicht pleite, dachte man wenigstens lange. Bilanziell sind diese Anleihen jedenfalls die „chinesischen Währungsreserven“.

Wenn nun China auf die Idee kommt, mit diesen Währungsreserven etwas anzufangen, dann heißt das zum einen, dass sie materialisiert werden müssen. Amerika muss zahlen. Nun, das muss es sowieso, mag man einwenden. Aber bislang war es eben (wieder vereinfacht ausgedrückt) so, dass China von den Rückzahlungen immer neue Anleihen kaufte und sogar neues Geld für Anleihen in die Hand nahm. Das funktionierte ganz prächtig, weil die Amerikaner von dem staatlich und privat geborgten Geld vor allem importierte Waren kauften. Und wer exportierte diese Waren zu einem wesentlichen Teil? Richtig: China, das so Jahr für Jahr erkleckliche Exportüberschüsse erwirtschaftete. Und von diesem Überschuss kauften die Chinesen amerikanische Anleihen, und der Kreislauf begann von neuem. Immer wieder. Nun ja. Bis jetzt. Die chinesische Ankündigung heißt nämlich nichts anderes, als dass man den amerikanischen Anleihebestand netto reduzieren möchte.

Mit anderen Worten: China hat sich entschlossen, den Amerikanern die Rechnung für das jahrelange Schuldenmachen zu präsentieren, will aus den Exportüberschüssen heraus und auf einen stärker am Binnenkonsum orientierten Wachstumspfad einschwenken. Nachzuholen gibt es da immer noch genug: sowohl was die Ausstattung mit Konsumgütern als auch was öffentliche Investitionen (z.B. in Gesundheit und Umweltschutz) angeht. Bezahlen sollen diesen Schwenk diejenigen, denen man jahrelang Geld geborgt hat. Das allein wäre noch nicht so dramatisch. Bislang zahlt Amerika seine Anleihen pünktlich. Ganz nebenbei hat das Land aber im Moment eine doch veritable Wirtschaftskrise zu bewältigen, was vor allem mit schuldenfinanzierten „Bailouts“ für den Finanzsektor und Konjunkturprogrammen in dreistelliger Milliardenhöhe passiert. Ein dummer Zeitpunkt für den chinesischen Entschluss. Ausgerechnet jetzt haben die USA eine Menge Schatzbriefe unterzubringen. Sie bieten gute Bedingungen, aber die Chinesen wollen nicht mehr, und auch sonst will oft genug niemand mehr zugreifen, so dass die FED selbst die Anleihen kauft. Das nennt man, wieder richtig: die Notenpresse anwerfen.

Im Moment findet all das noch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zu komplex sind die Zusammenhänge, zu stark der Wille in den neoliberalen Meinungsmedien, die Krise und ihre Folgen klein zu reden, auch und gerade in Deutschland, wo man ja eine schwarz-gelbe Bundesregierung an die Macht schreiben will. Gleichwohl: die Großanleger an den internationalen Finanzmärkten haben längst gemerkt, was da gespielt wird. Sie lesen nicht SPIEGEL ONLINE, wenn sie ihre Anlageentscheidungen treffen sondern kalkulieren Risiko und zu erwartende Rendite.

Und vielen von ihnen scheint im Moment alles sicherer zu sein als amerikanische Schatzbriefe. Die Rallye an den Aktienmärkten, die wir in den letzten Monaten erlebt haben, kann mit gutem Recht auch als Vorbote einer bevorstehenden Anleihe- und Währungskrise interpretiert werden. Der Run auf Aktien setzte nämlich genau zu dem Zeitpunkt ein, als die amerikanischen Staatsanleihen kaum noch unterzubringen waren. Neben der schon beschriebenen Praxis der FED, amerikanische Schatzbriefe selbst aufzukaufen, gibt es noch eine Reihe von Indizien dafür, dass diese Befürchtung nicht ganz abwegig ist. Der Preis für Gold, das als sicherstes Kriseninvestment gilt, ist nach wie vor sehr hoch. Wenn die Anleger tatsächlich so überzeugt vom bevorstehenden Aufschwung wären, dann würden sie ihre Goldbestände bzw. die entsprechenden Kaufoptionen reduzieren, und der Preis müsste fallen. Tut er aber nicht. Eine weitere auffällige Entwicklung ist der weltweite Aufkauf von Rohstoffen durch China, der ebenfalls auf einen beabsichtigten Abbau des Nettobestands an US-Staatsanleihen hindeutet. Und wie insbesondere die USA die Schulden, die sie jetzt aufnehmen, angesichts der immer prekärer werdenden Finanzlage zurückzahlen wollen, weiß tatsächlich niemand. Der Worst-Case wäre in diesem Szenario eine Herabstufung der Bonitätsbewertungen von US-Schatzbriefen durch eine der großen Rating-Agenturen. Die absehbare Folge wäre dann eine massenhafte versuchte Flucht aus diesen Papieren, die, weil sich kaum Käufer finden werden, in einen gigantischen Wertverfall münden würde. Alle, die dann US-Staatsanleihen halten, müssten dann den Wert ihrer „Reserven“ herabstufen – mit katastrophalen ökonomischen Folgen. Das wäre für einen Privatsparer in etwa so, als ob sein Sparguthaben von heute auf morgen nur noch die Hälfte wert wäre. Ob dann noch der lange beabsichtigte Autokauf realisiert, der dem Freund schon fest versprochene Kredit gewährt oder das fest eingeplante Studium für die Kinder finanziert wird, darf mit Recht bezweifelt werden.

Wenn dieses Szenario eintritt, wäre die Folge ein Beben an den Finanzmärkten, gegen das die Lehmann-Pleite im September 2008 ein sanftes Ruckeln war. Die USA stehen derzeit mit über 11 Billionen Dollar bei aller Welt in der Kreide. Wenn diese „Währungsreserven“ in der Luft hingen, weil wäre die Folge ein Dominoeffekt, der wahrscheinlich auch Staatsbankrotte nach sich ziehen würde. Und dann würden auch die Anleihen dieser Staaten an Wert verlieren usw. usf. Das ist ja nun mal was. Erst retten die Staaten die Banken und andere Spekulanten und nehmen dafür riesige Schulden auf. Dann droht ihnen deshalb selbst die Pleite. Man kann sie schon hören, die unbelehrbaren Neoliberalen, die dann von „Staatsversagen“ und „unfähigen Politikern“ reden werden. Aber auch die Banken halten ja genug derartige Staatsanleihen und wären dann von der Pleite bedroht. Aber dort kennt man das ja schon. Vielleicht sind das alles Unkenrufe. Freilich kann man derartiges auch auf SPIEGEL ONLINE lesen, leider eben nur gut versteckt. Einen Bundesschatzbrief kaufe ich deshalb vorerst lieber nicht.